Die US-Notenbank Fed hat ihren Zinssenkungszyklus mit einer kräftigen Reduzierung um 50 Basispunkte (Bp) eingeleitet und damit die Rezessionsängste, die die Märkte zuletzt belastet hatten, deutlich abgeschwächt. Diese Entwicklung hat die globale Kursfantasie an den Börsen befeuert und die Zinskurve an den Anleihemärkten steiler gemacht. Langfristige Anleiherenditen stiegen stärker als die kurzfristigen Pendants*.
An den Aktienmärkten, darunter der S&P 500 und der DAX, wurden im Nachgang des Fed-Entscheids neue Höchststände erreicht. Gleichzeitig verringerten sich die Spreads von Unternehmensanleihen, was den positiven Trend an den Börsen widerspiegelte. In den USA erreichte die Renditedifferenz zwischen zweijährigen und zehnjährigen Staatsanleihen den höchsten Wert seit Mitte 2022. Zehnjährige Staatsanleihen schlossen die Woche mit einer Rendite von knapp 3,75 %, dem tiefsten Stand seit 15 Monaten. Der US-Dollar verlor an Wert, während der Goldpreis erstmals die Marke von 2.600 Dollar je Feinunze überschritt*.
Zinssenkungen um 50 Basispunkte sind keine Seltenheit. Tatsächlich begannen drei der letzten fünf Zinssenkungszyklen der Fed mit einem solchen Schritt. Bemerkenswert ist jedoch, dass dies in der Regel in Rezessionsphasen geschieht, wie etwa 2020 während der Covid-Pandemie, 2007 infolge der globalen Finanzkrise oder 2001 nach dem Platzen der Technologieblase. Auch wenn eine Rezession in den USA weiterhin möglich erscheint, wäre dafür wahrscheinlich ein externer Schock nötig, um die derzeit robuste Lage am Arbeitsmarkt und im Konsum zu beeinträchtigen.
… doch gemischte Botschaft der Fed könnte zu einem volatilen Marktumfeld führen
Der Leitzinszielkorridor der USA liegt nun bei 4,75 % bis 5,00 %. Was kommt als Nächstes? Die aktuellen Projektionen der Fed (der sogenannte „Dot Plot“) deuten auf weitere Zinssenkungen um 50 Basispunkte in den verbleibenden zwei Sitzungen des Jahres 2024 hin. Im Juni hatten die Notenbanker noch mit einer Senkung um lediglich 25 Basispunkte gerechnet. Für 2025 werden weitere Reduzierungen um insgesamt 100 Basispunkte erwartet*.
Eine allzu optimistische Einschätzung erscheint jedoch verfrüht. Die gemischten Signale der Fed – robustes Wachstum bei gleichzeitig zahlreichen Zinssenkungen – könnten zu abrupten Änderungen in der Notenbankpolitik und damit zu Marktschwankungen führen. Während das Wachstum anhaltend positiv bleiben dürfte, könnten die Erwartungen der Märkte in Bezug auf das Ausmaß künftiger Zinssenkungen enttäuscht werden, insbesondere wenn die Fed erneut von einer hartnäckigen Inflation überrascht wird, wie es zu Beginn des Jahres geschah.
Der im August höher als erwartete Verbraucherpreisindex erinnert daran, dass die Lohnzuwächse nicht ausreichend zurückgegangen sind, um die Inflation im Zielbereich von 2 % zu halten. Daher wird besonderes Augenmerk auf den bevorzugten Inflationsindikator der Fed, den Preisindex der Konsumausgaben („PCE“), gelegt.
Investoren werden weiterhin die Konjunkturdaten genau beobachten, um Anzeichen dafür zu erkennen, ob die US-Wirtschaft ihre robuste Wachstumsdynamik aufrechterhalten kann. In einer datenreichen Woche liefern unter anderem das Verbrauchervertrauen und die Konsumausgaben Aufschlüsse über die Wachstumsperspektiven der USA im dritten und vierten Quartal.
Euroraum-Konjunktur: Frühindikatoren zeigen noch keine spürbare Belebung
In Europa sollte 2024 einen Wendepunkt für die Wirtschaft darstellen. Der Kontinent hat die Energiekrise weitgehend überwunden und erlebt einen moderaten wirtschaftlichen Aufschwung. Die Inflation hat zwar nachgelassen, jedoch nicht ohne Schwankungen*, was die Europäische Zentralbank (EZB) bereits im Juni dazu veranlasste, die Zinsen zu senken – ausgehend von einem hohen Niveau, das das Wachstum gebremst hatte.
Trotz dieser positiven Anzeichen bleibt die Erholung in Europa komplex. Sie ist geprägt von einer Mischung aus berechtigtem Optimismus und anhaltenden Schwachstellen. Dies zeigte sich in den schlechter als erwarteten Einkaufsmanagerindizes* und könnte sich in weiteren Frühindikatoren wie dem ifo-Geschäftsklimaindex und dem wirtschaftlichen Stimmungsindex im Euroraum widerspiegeln.
Der wirtschaftliche Aufschwung wird vor allem von den Verbrauchern getragen, die durch gestiegene Kaufkraft endlich wieder mehr ausgeben können. Längerfristig spielen auch Konjunkturmaßnahmen wie das NextGeneration EU-Programm und der EU-Haushalt in Höhe von über zwei Billionen Euro eine zentrale Rolle.
Doch auch hier scheint eine allzu positive Sichtweise verfrüht. Eine alternde Bevölkerung, Unsicherheiten bei der Energieversorgung und strukturelle Schwächen auf den europäischen Kapitalmärkten bleiben Herausforderungen.
Börsen: Konstruktiv, aber ohne übermäßigen Optimismus
Trotz notwendiger Vorsicht sehen wir das aktuelle Umfeld an den Börsen als taktisch konstruktiv. Die Inflation dürfte allmählich weiter sinken, das Wachstum anhalten und die Zentralbanken wie die Fed, die EZB und die Bank of England ihre Zinsen weiter senken. Auch die Bank of Japan bestätigte durch ihren Beschluss, den Leitzins unverändert bei 0,25 % zu belassen, unsere Einschätzung einer vorsichtigen geldpolitischen Normalisierung.
*Datenquelle: Fed 18.09.2024, LSEG 20.09.2024 & 23.09.2024


